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FLOORBALLSTAR Ein unvergessliches Abenteuer. Manu Hartmann blickt auf sein Jahr in Prag zurück:http://t.co/O33UA0io
2 days ago.
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Thursday, 12. January 2012 15:01
Manu's Block: Halbzeitanalyse
von Manuel Hartmann

Die erste Hälfte meines Prag-Aufenthaltes ist vorbei, und während den Festtagen, welche ich in der Schweiz verbrachte, konnte ich mit ein bisschen Distanz und in aller Ruhe ein erstes Fazit ziehen. Daran will ich euch natürlich auch teilhaben lassen. Und da ich erst wieder über Unihockey berichte, wenn ich wieder gut spiele, probiere ich euch mal das Volk der Tschechen näher zu bringen.

Es ist ziemlich schwierig, ein Land zu beschreiben, ohne doofe Klischees zu benützen. Um dies und Rassimusklagen zu vermeiden, erzähle ich einfach, was mir an den Tschechen, die ich bisher kennengelernt habe aufgefallen ist (Anm. des Autors: Die 10.5 Millionen Tschechen die ich noch nicht kenne, sind vielleicht völlig anders). Die beschriebenen Leute repräsentieren das Volk der Tschechen auch nur bedingt, da es sich bei der untersuchten Gruppe fast nur um junge Sportler handelt und eine alte tschechische Babuschka wohl andere Werte und Moralvorstellungen hat.

Mir sind zwei Unterschiede zur Schweizer Mentalität aufgefallen. Nummer eins ist, dass die Leute hier sehr unkompliziert und gemütlich sind (und schon hab ich ein Klischee benutzt). Wird in der Schweiz vor allem gearbeitet, leeren sich in Prag die Büros bereits am früher am Nachmittag und man widmed sich seiner Lieblingsbeschäftigung: dem Biertrinken und Essen deftiger Speisen. Diese Gelassenheit und die Esskultur macht die Tschechen zu einem sehr angenehmen Völkchen. Der Nachteil daran ist, dass ich trotz Überstunden im Kraftraum dicker geworden bin, was meine Freundin ein bisschen traurig macht. Dafür wurde ich sehr schnell aufgenommen im Team, da wir oft gemeinsam ein Bier geniessen und die Mitspieler alles lockere Typen sind. Wenn man hier mit jemandem einen Schnaps getrunken hat, ist man sozusagen schon befreundet. Diese Gelassenheit ist der Hauptgrund, weshalb ich mich sehr wohl fühle in Prag und mir gut vorstellen kann, länger hier zu bleiben.

Manche Leute übertreiben es aus meiner Sicht aber ein bisschen mit der Gelassenheit und ich habe das Gefühl, dass viele nur so durchs Leben treiben. Während sich der typische Schweizer doch sehr stark durch den Job oder die Ausbildung definiert, habe ich in Tschechien viele Leute kennengelernt, welche - etwas plump ausgedrückt - nur für den Moment leben. Dies fiel mir im Team auf, als ich realisierte, dass einige Spieler das Unihockey und Partys als absoluten Lebensmittelpunkt sehen und damit vollkommen erfüllt sind. Die Ausbildung oder die berufliche Karriere ist dabei nur eine Nebensache. Über Politik, Kunst, Reisen oder was es sonst noch alles gibt wird eigentlich nie gesprochen. Hauptthema ist immer Unihockey oder Party oder am besten beides zusammen: im Ausgang über Unihockey sprechen. Was in der Zeit nach dem Unihockey kommt, steht bei vielen noch in den Sternen. Doch auch wenn ich mich manchmal über die Lebensplanung einiger Bekannter wundere, so beeindruckt mich diese lockere Lebenseinstellung auch. Ich werde schnell nervös, wenn es mal nicht so läuft wie ich will - da könnte ich mir ruhig eine Scheibe von den Tschechen abschneiden.

Der zweite grosse Unterschied der etwas lockere Umgang mit der Wahrheit. Eine von zahlreichen Szenen diesbezüglich war nach einer Homeparty: Eines meiner Möbel (welches dem Präsidenten von Florbal Chodov gehört) wurde leicht beschädigt. Als ich mich am nächsten Tag beim Präsidenten dafür entschuldigen wollte, sagten mir alle, ich soll das für mich behalten, sonst gäbe es nur Probleme. Als ich darauf erwiderte, es käme doch früher oder später so oder so heraus, meinten sie nur, dass ich dann alles abstreiten und von nichts wissen solle. Das Übernehmen von Verantwortung fällt einigen schwer. Wird man in der Schweiz seit der frühen Kindheit darauf getrimmt, dass es nicht schlimm ist Fehler zu machen, solange man dazu steht, läuft das hier anders. Wenn etwas passiert, wird alles daran gesetzt, es zu vertuschen, sei der Fehler noch so klein. Das ist schon ein ziemlicher Kulturschock für mich, und ich muss mich noch an diese Einstellung gewöhnen. Wahrscheinlich rührt dies noch aus der Zeit des Kommunismus her, als die persönliche Freiheit stark eingeschränkt war und man durch Geheimnistuerei ein bisschen Autonomie ausleben konnte.

Ehrlichkeit wurde in dieser Epoche wahrscheinlich nicht belohnt. Ich kleiner ehrlicher Schweizer werde diesen Teil der Mentalität wohl nie ganz nachvollziehen können... In Tschechien funktioniert dieses System aber ganz gut. Alle wissen, dass jeder seine Geheimnisse hat und man ist viel toleranter gegenüber Dummheiten. So könnte ich zum Beispiel ohne Problem bei jemandem zu Hause einen Tisch zerstören. Am nächsten Tag würden wir drüber lachen, und das ist doch auch schön.

So sind also die 52 Tschechen die ich bisher kennengelernt habe. Und nun darf die zweite Saisonhälfte beginnen und ich hoffe dass ich im nächsten Blog wieder etwas über Unihockey schreiben kann.

About Manuel Hartmann

Manuel Hartmann, 24-jähriger Stürmer von Chodov Prag, ist der neuste Blogger von floorballstar.com. In der kommenden Saison wird Manu als erster Schweizer in der höchsten tschechischen Liga auf Torjagd gehen, und das an der Seite des in der Schweiz bestens bekannten Radim Cepek. Manu’s Karriere begann einst beim Zürcher Quartierverein UHC Crusaders 95. Nach mehreren Jahren bei Zug United, wechselte er im Sommer 2010 zum Grasshopper Club in die Swiss Mobiliar Liga. Nach einer sehr erfolgreichen Saison bei den Blau-Weissen, gekrönt mit dem Cupsieg, suchte er eine neue Herausforderung. Manu berichtet exklusiv für floorballstar.com über seinen Aufenthalt und seine Erlebnisse in der tschechischen Hauptstadt.  

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