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Ist das die Realität?

Für viele Schweizer war die WM in Göteborg eine Enttäuschung. So auch für unseren Gastblogger... Von Gastblogger // Montag, 29. Dezember 2014

In den zwei Jahren nach der Unihockey Weltmeisterschaft 2012 in der Schweiz ist viel Schweiss geflossen. Die Hoffnung, dass der knapp verlorene Halbfinal im Hallenstadion (ZH) , die Medienpräsenz und die aufstrebenden jungen Spieler dem Schweizer Unihockey Aufschwung und Motivation verleihen würden, wurde in der Unihockey-Stadt Göteborg arg gedämpft. Der Auftritt der Eidgenossen war vom ersten Einsatz an ängstlich und nur wenig berauschend. Doch es war durchaus denkbar, dass sich der Knoten noch lösen würde. Dies jedoch ist nicht ganz so einfach, wenn der Gegner Schweden heisst und die Ressourcen der Schweizer Mannschaft nicht genutzt werden.
Mir ist unerklärlich, wie der erfahrene Schweizer Trainerstaff auf die Idee kommt, gegen diese überragenden Schweden mit einer solchen Taktik in einen WM-Halbfinal zu starten. Es ist Petteri Nykky hoch anzurechnen, dass er seine Mannschaft offensiv eingestellt hat, sie für einen mutigen und selbstsicheren Auftritt vorbereitete. Es stellt sich allerdings die Frage, ob er sich mit dem Gegner auseinandergesetzt hat, denn die von ihm angewandte Taktik war naiv und völlig unverständlich.
Warum spielten die Schweizer nicht aus einer kompakten, aggressiven Defensive, wie es die Finnen am nächsten Tag mehr oder weniger erfolgreich praktizierten? Beispiele dafür gab es auch an der WM 2008 in Prag, als die Schweizer gegen denselben Gegner mit dieser Strategie erst in der Verlängerung unterlagen, sowie an der darauffolgenden WM 2010 in Helsinki, wo man knapp mit nur einem Tor Unterschied den Kürzeren gezogen hat.


Wieso Sonne vor der Weltmeisterschaft?
Es war augenscheinlich wie eingespielt die besten vier Nationalmannschaften der Welt im Vergleich zu den Nationen fünf bis acht waren. Ausnahme: die Schweiz. Es war kein roter Faden im Schweizer Spiel zu erkennen. Die Schweizer Spieler wirkten zum grössten Teil verunsichert. Dies nur auf fehlende Spielpraxis zurück zu führen, wäre falsch. Falls dies tatsächlich der Grund für die teilweise desolaten Leistungen einiger Akteure war, ist es komplett unverständlich, dass man eine Ferienwoche kurz vor der WM einlegte. Eingespielte Linien und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sind auch nicht gerade unwichtig. Natürlich ist man im Nachhinein immer schlauer, dennoch kann man von einem so hochgelobten Trainergespann erwarten, dass es den Spielern jede Möglichkeit gibt, sich bestmöglich auf ein solches Turnier vorbereiten zu können. Dies wurde im Schweizer Lager definitiv verpasst.


Wieso Tartanbahn statt Hallenboden?
Es ist absolut verständlich und auch dringend notwendig, dass diverse Spieler in der Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft getestet werden. Allerdings müssen in einigen Bereichen Abstriche gemacht werden, weil schlicht die Zeit nicht reicht, alles unter einen Hut zu bringen. Deshalb muss die Frage erlaubt sein: War es richtig so viele Physiseinheiten den Hallentrainings vorzuziehen?
Natürlich war es das erklärte Ziel das „physisch beste Team“ an dieser Weltmeisterschaft zu stellen. Dies war grundsätzlich auch keine schlechte Idee. Doch klar ist, dass Unihockey mehr ist als nur schnelle Beine und breite Schultern. Es gilt auch technische Fähigkeiten, eingespielte Blöcke, die defensive und offensive Ausrichtung zu berücksichtigen. Natürlich ist es eine Grundlage, dass jeder einzelne Spieler top fit an ein so wichtiges Turnier reist. Aber dies als Selektion für ein Nationalteam zu benutzen ist sehr fragwürdig. Okay, ein Trainer braucht Anhaltspunkte und Richtlinien - das steht ausser Frage! Doch wurden diese bis zur Selektion des WM-Kaders durchgezogen? Von aussen gesehen nicht. Christoph Meier, Simon Stucki und Nico Scalvinoni erhielten alle eine Fahrkarte nach Göteborg, welche ohne Wenn und Aber hoch verdient war, berücksichtigt man die spielerischen Fähigkeiten dieser Sportler. Berücksichtigt man jedoch ihre Anwesenheit an den Nationalmannschaftszusammenzügen zwischen der Weltmeisterschaften 2012 in der Schweiz und 2014 in Schweden - Anwesenheit, welche gross geschrieben wurde - hätten alle drei zuhause bleiben müssen. Somit sind die Vorgaben des Trainergespannes um Petteri Nykky schlicht und ergreifend nicht glaubwürdig, weder für die Fans, noch für die Spieler im Kreise der Nationalmannschaft und erst recht nicht für die Experten.


Wo sind die jungen Höfis und Co.?
Es wäre allerdings falsch die Fehler nur bei der Vorbereitung und dem Trainerstab zu suchen. Diverse Spieler kamen nicht annähernd an ihre Leistungsgrenze, geschweige denn, darüber hinaus. Klar ist auch, dass es an einer WM keine jungen und alten Spieler gibt. Was zählt ist die Leistung auf dem Platz und in dieser Sparte müssen sich viele Spieler sehr schlechte Noten abholen. Sei es physisch, technisch, taktisch oder individual-taktisch. Die Schweizer sind in der Form, wie sie sich an diesem Turnier präsentierten, meilenweit von einem Final-Einzug entfernt.
Es steht ausser Frage, dass sich einige routinierte Spieler aus dem Nationalteam verabschieden werden. Wer ist in der Lage eine Leaderrolle zu übernehmen? Ist es überhaupt möglich einen Michael Zürcher, Christoph Hofbauer, Simon Stucki oder Markus Gerber zu ersetzen? Ganz zu schweigen von einer Identifikationsfigur wie Matthias Hofbauer!
Die Spieler im mittleren Unihockey-Alter wie Antener, Scalvinoni, Fankhauser, Schmocker und Kuchen müssen sich jetzt selbst in die Pflicht nehmen und zusammen mit jungen, hungrigen Spielern der Schweizer Unihockey Nationalmannschaft ein neues Gesicht geben.

 

                                        Spiele             Tore           Ass.          Punkte              jhg.

 

Scalvinoni Nico                   6                   4                 3                 7                 1987

 

Maurer Manuel                  6                   4                 2                 6                 1993

 

Antener Emanuel               6                   2                 4                 6                 1987

 

Zurcher Michael                 6                   2                 4                 6                 1981

 

Mendelin Patrick                6                   2                 2                 4                 1987

Die Skorerliste der abgelaufenen WM spricht für die Zukunft.


Wird das Geld richtig investiert?

Auch wenn der vierte Rang und die vernichtende 10:1 Niederlage gegen die wohl beste Schwedische Auswahl bis zum heutigen Tag nicht der Weltuntergang sind, muss die abgelaufene WM als Warnsignal wahrgenommen werden.
So stellt sich die Frage: Wird genug dafür unternommen, dass junge Spieler eine Top-Ausbildung geniessen können? Werden Juniorentrainer ausreichend entschädigt? Ist das Gleichgewicht zwischen kompetenten Aktiv- und Juniorentrainern richtig? Denn nur mit einer guten Ausbildung bei den Jüngsten können wir die Lücke zu Schweden und Finnland verkleinern oder im Optimalfall komplett schliessen. Die ersten Schritte in die richtige Richtung wurden mit den Engagements der beiden ehemaligen Natispieler Reto Balmer (U17 West) und Armin Brunner (U17 Ost) als Cheftrainer gemacht. Aber auch diese ehemaligen routinierten Spieler können nur in unregelmässigen Abständen Einfluss auf die Entwicklung der Spieler nehmen.
Der Grundstein liegt bei den Vereinen. Jeder Juniorentrainer ist verantwortlich dafür, ob in Zukunft wieder an einen WM Final gedacht werden kann, oder wir das Erreichen eines Halbfinals schon als Erfolg werten müssen...

 

Nachtrag der Redaktion
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Bild: IFF